|
Der Weihnachtsabend lief bei uns zu Hause immer nach dem gleichen Schema ab. Nach der gleichen Leier, pflegte ich als Kind zu sagen. Gegen Abend, wenn es draußen dunkel wurde, stapfte mein Vater ins Wohnzimmer.
„Ich schau einmal nach, ob das Christkind schon fertig ist.“
Ich war erstaunt, dass er selbst am hl. Abend lügen konnte, ohne rot zu werden. Als ich noch im Kinderwagen lag, habe ich ihm vermutlich geglaubt. Älter geworden war mir bald klar, wer den Baum besorgte und schmückte. Wer die Geschenke so malerisch unter der Fichte, denn eine solche musste es sein, verteilte. Das Christkind auf jeden Fall nicht.
Als mein Vater zum ersten Mal erkannte, dass ich ihn durchschaut hatte, nahm er mich mit, wenn er im Wald des Nachbarn einen Baum schlug, ohne den Besitzer in diesen Frevel einzuweihen. Aber das Ritual am hl. Abend blieb.
„Wir wollen doch mit lieb gewordenen Traditionen nicht brechen.“
Also stand der Rest der Familie jedes Jahr draußen im Flur und wartete darauf, dass das Christkind klingelte. Dies geschah dann auch meistens. Nur in einem Jahr unterblieb der Klingelton, und mein Vater stürzte mit hochrotem Kopf aus dem weihnachtlich geschmückten Zimmer.
„Das Christkind hat aus Versehen die Klingel mitgenommen.“
Einer meiner gelungeneren Streiche, den ich allerdings nicht mehr wiederholt habe. Und rot wurde ich als echter Sohn meines Vaters auch nicht.
In all den anderen Jahren klingelte es also, und dann öffneten sich wie von Geisterhand die Flügel der Wohnzimmertür, und wir traten ein. Mitten im Raum stand der wie immer festlich geschmückte Weihnachtsbaum, mit vielen Kugeln und ohne Lametta. Lametta mochte meine Mutter nicht, und sie war für den Baumschmuck in Vertretung des Christkinds zuständig. Aber echte Kerzen mussten es sein.
Mein erster Blick galt natürlich den Geschenken. Am liebsten hätte ich mich gleich auf sie gestürzt, obwohl ich wusste, dass das Christkind meine Geschenkliste wohlwollend geprüft und sicher für gut befunden hatte. Aber so schnell wurde ich von meinen Eltern nicht in die Freiheit entlassen. Stattdessen strapazierten wir das weihnachtliche Liedgut, und zwar in der Reihenfolge: O Tannenbaum, Ihr Kinderlein kommet und Stille Nacht. Beim letzten Lied heulte meine Mutter Jahr für Jahr vor Ergriffenheit los, mein Weg zu den Geschenken war frei.
So war es all die Jahre, unterbrochen nur am Weihnachtsabend des Jahres 1944. An jenem Abend war alles ganz anders. Denn gerade hatte ich verständnisvoll die wenigen Geschenke in Angriff genommen, als ein wildes Geschwader mit Pauken und Trompeten vom Himmel auf uns hernieder fuhr. Das himmlische Heer sandte zwei Flugzeuge just in diesem Moment und verdarb uns unser Weihnachtsfest. Nicht weit von uns fielen die ersten Bomben, und bei uns fiel der Putz von der Decke. Ich sah noch, wie meine Mutter geistesgegenwärtig den Baum packte und mitsamt des Schmucks und vor allem mitsamt der Kerzen am Fenster hinaus auf die Straße warf. Der Luftdruck der Bomben hatte dafür gesorgt, dass sie zu diesem Zweck die Fenster nicht öffnen musste.
„Nicht, dass es auch noch brennt.“
Ein beinahe rührendes Unterfangen, wenn ich bedenke, wie unser Haus, wie unsere Wohnung aussah. Über schuttbedeckte Treppen konnten wir uns nur noch in den Keller retten und abwarten.
Die Flugzeuge verschwanden so schnell wie sie gekommen waren. Doch was hatten sie angerichtet. Mehrere Häuser im Bereich des Rathauses existierten nicht mehr. Ihre Bewohner kamen in den Trümmern um. Vom Rathaus bis zu unserem Haus hatte ein Querschläger sämtliche Außenwände zerstört und war ausgerechnet vor der Rückwand unseres weihnachtlichen Wohnzimmers ausgetrudelt, als wolle er die Weihnachtsfeier nicht weiter stören. Doch die war längst beendet.
Unsere Wohnung war nicht mehr bewohnbar. Ein Verbleiben in der kleinen Stadt war wegen weiterer zu erwartender Angriffe aus der Luft nicht zu empfehlen. Wir flohen für ein halbes Jahr aufs Land.
Nach dem Krieg kamen wir zurück, hingen große Betttücher unter die Decken, schlossen die Fenster mit Pappe oder Holzplatten und hausten monatelang so gut es eben ging in den zumindest vom Schutt befreiten Räumen.
Aber unser erstes Weihnachtsfest, das feierten wir schon wieder in gewohntem Rahmen. Der Wald des Nachbarn lieferte die Fichte. Kugeln wurden gebastelt, Kerzen aus allen möglichen Materialien zusammengeklebt. Es gab natürlich weniger Geschenke als in Kriegszeiten, aber die gleichen Lieder erklangen, und Mutter weinte wieder an der gleichen Stelle. Und sogar die Klingel hatte mein Vater irgendwo im Schutt wiedergefunden.
„Dort hat sie das Christkind bei seiner überhasteten Flucht letztes Jahr bestimmt verloren.“
|